Sizilien - Sicilia

Etna & das Valle del Bove

etnaÄtna – Etna, wie er auf Italienisch heißt – Mongibello (Berg der Berge), wie ihn die Sizilianer mit einer respektvollen Hassliebe nennen, stand ganz oben auf unserem Urlaubsprogramm für die Mittelmeerinsel vor der Stiefelspitze Italiens.

Von langer Hand geplant war unser Krateraufstieg mit Andrea Ercolani, Schweizer dipl. Vulkanführer, sesshaft auf Sizilien. Bereits im Frühjahr hatten wir Kontakt per Mail und Telefon aufgenommen, nachdem ich seine Website im Internet fand. Das „persönliche Kennenlernen“ fand dann mit Andrea im Sommer im TV statt. Dort lief „Die große Show der Naturwunder“ mit Frank Elstner, in deren Verlauf Ranga Yogeshwar zusammen mit Andrea den Stromboli bestiegen hat.

Wenige Tage vor unserem Abflug in den Urlaub schaute ich dann nochmals auf die Website von Andrea. Mir stockte der Atem, denn dort stand, dass es am 25.08.10, Lokalzeit 15:09 Uhr, eine heftige Explosion am Hauptkrater Bocca Nuova I am Etna gegeben hat und der Hauptkrater instabil geworden war. Einsturzgefahr bestand! Sofort wurde durch die Vulkanbehörde der Krateraufstieg untersagt.

Was also tun? Ein Telefonat mit Andrea beruhigte uns, denn er machte den Vorschlag, mit einer Gruppe das Valle del Bove (Tal der Ochsen) zu durchqueren. Das Valle del Bove ist eine 25.000 Jahre alte Caldera von 5 km Breite und 8 km Länge, die sich nach einem Vulkanausbruch gebildet hat. Den Namen gaben ihr die Bauern, die in dieses ehemals grüne Tal innerhalb der Etnakraterlandschaft ihre Tiere zum Weiden trieben.

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Interessante Namensnennung:
„Mongibello“ sagt man in Italien; „Mongibeddu“ ist ein sizilianischer Dialekt. Der Name „Berg der Berge“ setzt sich aus zwei Wortteilen unterschiedlicher Kulturen zusammen: Monte heißt Berg auf lateinisch; Djebel (Berg) kommt aus dem Arabischen.

Informatives:
Der Etna ist ständig aktiv, was er weltweit nur mit acht weiteren Vulkanen gemein hat.
Erste schriftliche Aufzeichnungen über den Etna datieren von 694 v.Chr. Dort ist zu lesen, dass 729 v.Chr. die Stadt Catania zum ersten Mal zerstört worden ist.

Schon in der Antike spielte der Etna in der Mythologie eine große Rolle. Ebenso wie der Stromboli und die Liparischen Inseln sollen sich hier Schmiedewerkstätten der Kyklopen befunden haben.
Auch das Ungeheuer Typhon soll vor Sizilien von Zeuss besiegt worden sein, indem er den Etna auf ihn geworfen haben soll.

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Wir treffen uns morgens gegen 09:30 Uhr mit Andrea Ercolani am Rifugio Sapienza auf 1900 m Höhe an der Talstation der Seilbahn. Das Auto steht – sicher geparkt und für 3 Euro „bewacht“ auf dem Parkplatz gleich neben dem Informationshäuschen, das gleichzeitig Treffpunkt für Gruppen und Bergführer ist.

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Andrea „inspizierte“ zuerst das Schuhwerk unserer Gruppe, denn das Laufen auf Lava ist nicht ganz einfach. Einige haben Turnschuhe an, die von Andrea gegen feste Bergstiefel aus seinem „Schuhschrank“ im Auto getauscht werden. Ich frage mich, wie jemand überhaupt auf die Idee kommt, Schuhe mit solch unpassenden Sohlen für die Kratertour anzuziehen.

Nachdem wir nun alle mit dem richtigen Schuhwerk ausgerüstet sind, erklärt Andrea die Tour und was uns erwartet. Haben wir alle auch genügend zu Trinken eingepackt? Und wie sieht es mit Essen aus? Vielleicht gehen wir doch noch mal vorher „zum Stillen Örtchen“

etna Wir sind eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe; zumindest was das Alter anbelangt: vom Kind bis zu Oma & Opa.

Information zu einem früheren Ereignis:
Ende Juli 2001 bedrohte eine Eruption die Station Etna-Süd mit dem Rifugio Sapienza und der Talstation der Seilbahn; einige Masten wurden zerstört und die Strada dell‘Etna verschüttet. Am Abend des 30. Juli stand die Bergstation der Seilbahn in Flammen, als ein Lavastrom die Mauern durchschlug.

Im August 2004 wurde dann die neue Funivia dell’Etna wieder eröffnet. Nun geht es mit dieser Seilbahn auf 2400 m Höhe. Es ist windig, kühl und es beginnt zu regnen, als wir weiter zum Rand der Caldera aufsteigen.

etna Bereits auf dem Weg nach oben erklärt Andrea viel Wissenswertes über den Vulkan. Auch darüber, was die vielen Marienkäfer hier oben tun und was "Bomben" sind.

Lavabomben können mehrere hundert Meter Höhe geschleudert werden. Verursacht werden diese von großen, in der Magmasäule aufsteigenden Blasen, die im oberflächennahen Bereich des Schlotes platzen und glühende Lavafetzen mit sich reißen (li.)

Überall auf den Steinen schimmern kleine schwarz-rote Punkte: Marienkäfer. Es gibt unwahrscheinlich viele; aber wo kommen die nur her und was machen die hier? „Die sind nicht ganz freiwillig hier“, erzählt uns Andrea, „die hat der Wind hier hoch geweht.“
Ihre Überlebenschance ist gleich Null …

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etna Oben am Calderarand bietet sich uns ein fantastischer Blick auf das Rund des Etnas, die Tiefe des Tals zu unseren Füßen, das zarte Grün zwischen dem feinen Lavasand.

Als in prähistorischer Zeit eine Magmakammer einstürzte, entstand das Valle del Bove, einst der landschaftlich schönste Teil am Etna. Doch durch viele weitere Ausbrüche – zuletzt 1792 – wurde das Tal der Ochsen mit Lava überzogen.

Immer wieder gab es große Lavaflüsse ins Valle del Bove, so z.B. 1908. Die bisher größte Eruption war in den Jahren 1950/51, als rund 170 Mio. Kubikmeter Lava viele Ortschaften um den Etna herum bedrohte.

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Und nun heißt es: Abfahrt !!!

In Skistellung, immer nur mit den Hacken einen Schritt vor den anderen, geht es in leicht gebückter Haltung den Hang hinunter. Und das über fast 700 Höhenmeter. Ein Erlebnis besonderer Art, das immer mal wieder von Stopps unterbrochen wird, in denen Andrea uns über die Flora des Valle erzählt.

Die beiden folgenden Bilder zeigen, wie weit wir (Hubert li. & Uta re.) in den feinen Lavasand einsacken.

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Auf dem Etna gibt es fast 300 endemische Pflanzen.

Dazu gehört auch Romice dell'Etna (li.), ein Sauerampfer (Rumex aetnensis).

Hoppla, ist Andrea etwa hingefallen ???
Nein, er (u.li.) möchte uns demonstrieren, die nahe unter der Oberfläche die Temperaturen schon beachtlich hoch sind. Aus Spalten entweicht immer wieder Rauch, der auf diese höheren Temperaturen (u.re.) hinweist.

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Endlich kommen wir unten im Hochtal an; wir sind auf rund 1700 Höhenmeter und vor uns liegt eine völlig andere Bodenstruktur. Schnell müssen sich die Füße vom weichen Lavasand auf hartes Lavastein umstellen, der sich stark strukturiert und sehr scharf vor uns auftürmt. Darüber müssen wir nun mehrere Kilometer laufen, springen und kraxeln.

Nicht nur dabei sind wir ins Schwitzen gekommen. Nein, auch die Temperaturen haben zugenommen. War es am Anfang oben am Calderarand noch kühl, windig und regnerisch, so steht jetzt die Sonne hoch am Himmel und wir haben dicke Jacken und Pullover gegen leichte T-Shirts getauscht.

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Der Durchmesser des Tales beträgt gut 7 km in der Ausdehnung von Nord nach Süd und 5,5 km von Ost nach West. Allmählich sind wir dabei auf 1400 Höhenmeter runter gestiegen und haben das Ende des Valle del Bove erreicht. Hier ist das Tal zum Osten hin offen und geht in das Val Calanna über. Nun heißt es wieder: Aufsteigen durch einen Buchenwald bis zum Calderarand auf 1700 m Höhe.

Super, bis hierher hatten wir keinen "Verlust" ... grins*
Andrea erzählt uns, dass noch keiner seiner Tourenteilnehmer ernsthaft verletzt wurde und nicht mehr alleine das Valle verlassen konnte.
Nur einmal hat sich jemand die Schulter ausgekugelt; er konnte aber noch selbst zurückgehen.

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Endemischer Etnaginster (Genista aetnensi) (o.li.) ist ein immergrüner Baum mit einer Wuchshöhe und –breite von ca. 10 m, der später als unserer heimischer  – dafür aber mehrfach – blüht. An ihm vorbei, sowie durch Buchenwald und einem aus essbaren Kastanien geht es nun bergab auf 1400 Höhenmeter.

Fast haben wir den Ausgangspunkt erreicht. Doch dazu steigen wir alle in die bereitstehenden Autos, die uns zurück zum Rifugio Sapienza auf 1900 Höhenmeter bringen. Bei einem Moretti (einheimisches Bier), Wasser, Espresso oder Cappuccino sitzen wir alle noch etwas beisammen und lassen den Tag Revue passieren. Einen  anstrengenden, aber sehr gelungenen Tag am Mongibello, auch wenn der „Berg der Berge“ uns nicht hat in sein Inneres schauen lassen.

Für uns heißt es nun: 47 km zurück nach Calatabiano. Dorthin, wo unser Ferienhaus steht. Eine Dusche haben wir uns jetzt redlich verdient.


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