Peru - Arequipa & Colca Canyon

Sechs Uhr in der Früh‘. Wir sind die Nacht von Nasca aus durchgefahren. Der Reisebus fährt auf dem Parkplatz der Royal Class Linie in Arequipa ein. Langsam sind auch die letzten Fahrgäste aufgewacht. Haben wir doch die Nacht bequem in den Liegesitzen die Fahrt verschlafen, obwohl rund 400 km Straße hinter uns liegen.

Uns erwartet Jörg. Mit vollständigem Namen Jörg Kroesel, Reiseguide. Er hat vor vielen Jahren in Deutschland Zweifel an seinem beruflichen Werdegang bekommen und das “freie Leben” in Peru vorgezogen. Wir haben sehr schnell “eine gemeinsame Wellenlänge” gefunden. Die nächsten Tage werden das auch bestätigen. Doch davon im Laufe dieses Berichtes mehr.

arequipa arequipa Nun heißt es erst einmal: Gepäck in den PKW verstauen und ab zur Plaza de Armas (wie jeder Ort, jede Stadt, hat auch Arequipa aus dem ehemaligen Exzerzierplatz der Spanier einen Mittelpunkt für die rund 650.000 Arequipenos gemacht, die heute in der Stadt leben.

Auffälligstes Bauwerk ist natürlich an der Kopfseite der Plaza die Kathedrale. Trotzig steht sie vor uns mit ihren zwei hohen Türmen, die erst vor einigen Jahren nach einem großen Erdbeben wieder aufgebaut worden sind.

Der quadratische Platz ist umgeben von Kolonialbauten mit wunderschönen Arkaden, in denen sich kleine Souvenirgeschäfte, Reiseagenturen, Cafes und Restaurants eingerichtet haben.

Auch das Sonesta Posada del Inca - unser Domizil für die nächsten Tage und erneuter Anlaufpunkt nach der Tour in den Colca Canyon - liegt direkt an der Plaza.

Zimmer 304 in der zweiten Etage! Sie haben richtig gelesen, denn hier in Peru gibt es kein Erdgeschoß, sondern die Etagen fangen gleich Parterre mit 1 an. So liegt Zimmer 304 eben in der dritten peruanischen und gleichzeitig in der zweiten europäischen Etage.

Wir richten uns erst einmal häuslich ein, genießen die Dusche und gehen zum Frühstück. Die Sonne lockt uns dann hinaus auf die Plaza.

arequipa Die Mitte der mit Palmen bewachsenen Plaza de Armas ist ein schöner alter Brunnen. Ob nun mehr Menschen als Tauben um uns herum flanieren, kann ich nicht sagen (habe auch nicht gezählt), doch dieses Durcheinander ist sehenswert. Da ist z.B. die Verkäuferin, die mit einem Korb am Arm Maiskörner in kleinen Plastikschläuchen als Taubenfutter verkauft. Natürlich nimmt sie hinterher die leeren Tüten zurück. Ob das nun reiner Umweltgedanke ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht füllt sie auch nur die Säckchen neu.
Dieser kleine Mann jedenfalls hat seinen Spaß.


Nachmittags nehmen wir das Auto und fahren mit Jörg durch die Stadt. Aber erst einmal führt uns der Weg in die Banco de Credito, Travellerschecks wechseln. Anfangs ist der junge Bankangestellte noch recht freundlich, vergleicht Angaben/Personalien vom Scheck mit unseren Reisepässen und gibt uns Soles dafür.

Jörg greift sofort nach dem Geld und fängt an, jeden einzelnen Schein zu prüfen. Ein kurzes Ziehen an der Banknote; die Unversehrtheit des Papiers; nichts scheint seinem schon geübten Auge zu entgehen. Einige Scheine gibt er dem Bankangestellten zurück, der nun nicht mehr so lächelnd den Wechsel in heile Geldnoten vollzieht.
Es kommt halt immer mal wieder vor, dass Falschgeld in Umlauf ist.


arequipa arequipa Geldprobleme haben sie sicher nicht gehabt, die jungen Damen, die vor vielen Jahrhunderten von ihren reichen spanischen Familien in das Kloster Monasterio de Santa Catalina geschickt wurden. 1000 Goldpesos waren die Mitgift, von der nicht nur die jungen Nonnen sondern auch das Kloster selbst gut leben konnte. Wo gab es schon zur damaligen Zeit neben den Wohnbereichen der Nonnen kleine Zimmer für die persönlichen Zofen, für die Küche und das Bad? Wo ein Schwimmbad?

arequipa arequipa Dem strengen Armuts- und Schweigegelübde innerhalb der Klostermauern wurde auch nicht immer Folge geleistet.

Auch heute noch leben ungefähr 20 Nonnen im Konvent, allerdings sind für sie die Türen offen.

Die kleinen Häuschen der damals 500 Nonnen wurden durch ihre Familien gebaut. Sie liegen an Wegen wie diesem in der 20.000 qm großen Klosteranlage.

Ständig wird Frischwasser in das Kloster geleitet, sowie auf dem nachfolgenden Bild in die Wäscherei.

Von vielen Plätzen der Stadt schaut man auf den allüberragenden Vulkan Misti.
Dieses Bild entstand von den Dächer des Klosters Santa Catalina.

arequipa arequipa


Am nächsten Morgen:
Wir haben unsere kleinen Tagesrucksäcke gepackt. Wir fahren in den rund 150 km entfernten Colca Canyon. Obwohl Arequipa bereits 2360 Meter hoch liegt, überqueren wir Pässe bis zu 4800 Meter Höhe. Doch soweit sind wir noch nicht.

colca colca Zuerst fahren wir mit Jörg noch Proviant kaufen: Wasser (ohne Kohlensäure), Bananen und Aspirin. Insider sagen, dass eine halbe Aspirin Wunder bewirkt gegen evtl. auftretende Höhenkrankheit. Ich will aber hier schon mal vorwegnehmen, dass wir drei keinerlei Probleme mit der Höhe bekommen werden.

Allmählich werden die Häuser um uns herum weniger. Die Straße führt schnurgerade in die Berge. Hinter uns verschwindet die Silhouette der weißen Vulkane am Rande von Arequipa. Das Land wird karger.

colca colca Es ist aber auch das Land, das die Vikunjas lieben. Etwas rau, windig und mit kühlen Nächten. Wo wir kein Grün mehr sehen, finden diese selten gewordenen Tiere immer noch genügend Nahrung. Ihr Fleisch und ihre Wolle sind seit alters her gefragt. So haben – angefangen schon in prähistorischen Zeiten – die Menschen viele Tiere gejagt. Ihre Art wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhundert auf weniger als 10.000 Stück geschätzt. Heute sind Vikunjas durch die Internationale Artenschutzkonvention geschützt und ihre Zahl hat sich wieder auf gut 100.000 Tiere erhöht.

Die Naturschutzbehörden hat die Tiere aus der Familie der Kamele der hiesigen Bevölkerung zur Vermarktung – und damit auch zum Schutz – übergeben. Jährlich werden nun diese halbwild lebenden “Wollknäuel” geschoren, aber nur die Brusthaare. Es sind 200 Gramm im Jahr, die die Vikunjas für Designer-Modelle teurer Couturiers hergeben müssen. Ein Kilogramm dieser flauschigen und edlen Wolle bringt um die 1000 Dollar auf dem Weltmarkt.

colca Colca

Wir haben die Passhöhe von über 4800 Metern erreicht! Leider ist von hier oben der Blick hinein ins Tal betrübt: es ist diesig. Etwas dünn ist die Luft schon, aber noch unangenehmer sind die Kälte und der Wind. Wenn wir uns umschauen - und das zeigt das obige Bild ganz deutlich - gibt es hier ständiges Eis.

colcaChivay, der kleine Ort im Colca, ist unser Ziel für die Nacht. Gegen drei Uhr kommen wir an und finden uns direkt in einem großen Umzug wieder. Es ist das Ende der Erntezeit und die Menschen haben sich zum Feiern auf der Plaza de Armas eingefunden. Alle Organisationen, Berufsgruppen und Institutionen des Dorfes beteiligen sich an dem bunten Umzug. Uns haben besonders die farbenfrohen Kleider der Frauen gefallen. Nicht zuletzt ihre Hüte.

Gerade, als wir aus dem Auto steigen, passiert es: eben stand noch die Sonne am Himmel, aber plötzlich wurde es dunkel, Wind kommt auf, es beginnt zu regnen. Auch fällt das Thermometer um einige Grade. Was bedeutet das? Sollten das Anzeichen sein für das, was wir in 24 Stunden erleben werden?

Wir fahren weiter in unser Hotel: das Rumi Llacta, was übersetzt so viel wie Steinernde Stadt heißt. Was sind wir froh, dass die kleinen Häuser Heizkörper haben, die etwas Wärme bringen.

Doch es gibt noch etwas im Ort, der gegen diese Kälte hilft: ein Bad!?!? Heiße Quellen umgeben Chivay, und der tüchtige Bürgermeister des Dorfes hat genügend Geld beschafft zum Bau einer Badeanstalt. Nun können Einwohner und Besucher seit sechs Monaten im warmen Quellwasser baden, teils überdacht, teils draußen unter freiem – Sternen übersäten – Himmel. Wir genießen es, um danach müde in die Betten zu fallen.

colca colcaSamstag, 23. Juni 2001

Es ist eine himmlisch ruhige Nacht. Kein Lärm, nicht mal ein Hund bellt. Kein Hundegebell? Und das hier in Peru, wo es von Hunden wimmelt? Seltsam ist das schon. Sollte auch das ein Zeichen sein dafür, was uns am Nachmittag passieren wird?

Es ist aber nicht viel Zeit zum Nachdenken da. Schließlich müssen wir früh raus, um zeitig am Cruz de Condor zu sein, dem Ort, an dem diese majestätischen Vögel hoch oben in der Luft ihre Kreise ziehen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen das Tal erwärmen, steigen sie auf.

Wie viele andere Besucher, so warten auch wir mit schussbereiter Kamera auf die Vögel. Zwei zeigen sich uns. Wo sind die anderen? Haben auch sie eine Vorahnung der Dinge, die da kommen werden?

Colca colca


So machen wir uns auf zurück nach Arequipa. Nur noch wenige Kilometer, und wir haben es geschafft. Es ist gegen halb vier am Nachmittag.

Die Straße ist schmal, links steigt sie gerade nach oben, rechts fällt sie steil ab. Plötzlich lösen sich Steinlawinen und versperren uns den Weg. Das Auto schwankt hin und her, gerade so wie bei starken Windböen. Stopp!!!!! Vor uns liegt ein großer Felsbrocken auf der Straße. Wir steigen aus, gehen näher und blicken dabei um die Kurve herum. Die Straße ist auf einer Länge von ca. 50 Meter verschüttet. Auf dem heilen Stück steht ein einsames Auto. Danach ist die Straße wieder abgesackt. Wie wir von den herbeigelaufenen Bauern erfahren, hat der erste Bergrutsch einen Bus mit in die Tiefe gerissen.

ERDBEBEN !!!

Das gleich eingeschaltete Radio bringt auch schon die ersten Nachrichten. Peru ist im Umgang mit diesen Naturgewalten geübt. Sofort tritt ein Krisenstab zusammen und da ist das Radio die einzig sichere Informationsquelle. Wir erfahren schnell: Arequipa hat es schwer getroffen. 

7,8 auf der nach oben offenen Richterskala, und die Erde hat 1 ½ Minuten gebebt.


Was nun? Jörg hat besonnen sofort die Sachlage sondiert. Wir werden uns jetzt in ein Notlager der Regierung durchschlagen. Dort bekommen wir sicher ein Zelt und Schlafsäcke für die Nacht, denn im Auto wird es bei diesen Temperaturen nicht angenehm werden. Aber dieses Vorhaben ist nicht in die Tat umzusetzen, denn eine Brücke dorthin ist eingestürzt.

Also nehmen wir die Hilfe der Einwohner an, die sofort – mit Hake, Schaufel und Spaten bewaffnet – einen schmalen Feldweg frei räumen, damit wir durch runter ins Tal kommen, um uns doch nach Arequipa durchzuschlagen. Jörg hält nun mal unser Hotel für den sichersten Ort, da es erdbebensicher gebaut ist.

Ab und zu müssen wir das Auto verlassen, damit der Fahrer es allein über unsichere Stellen fahren kann. Wieder warten, da Felsbrocken den Weg versperren. So vergeht Stunde um Stunde. Es ist bereits stockdunkel.

Nach 4 Stunden haben wir endlich die wenigen Kilometer rein in die Stadt geschafft.
Was für ein Glück, dass die Stadtmitte Strom von einem zweiten Elektrizitätswerk bekommt, denn die Außenbezirke liegen im Dunkel. Dort kommt der Strom aus einem anderen Werk.

Am Beginn der Altstadt endet dann unsere Fahrt. Wir verlassen das Auto und schlagen uns zum Hotel zu Fuß durch. Die Polizei und die Armee sichern bereits die Straßen und Häuser. Als man uns (Touristen) sieht, will man uns sofort helfen und will die Botschaft informieren. Wir danken, wollen unsere Familie vom Hotel aus anrufen.

arequipa Arequipa Die Plaza de Armas sieht (fast) so aus wie jeden Abend. Menschen über Menschen. Allerdings blicken Sie nur in eine Richtung: auf die Kathedrale. Sie bietet einen traurigen Anblick. Der linke Turm ist völlig zusammengebrochen, Steine liegen verstreut auf dem Vorplatz und der Straße. Der rechte Turm hat keine Stützpfeiler mehr und hängt schief auf seinem Sockel. Wie oft schon musste in den Jahrhunderten, die die Kathedrale hier steht, einer der Türme nach einem Erdbeben wieder aufgebaut werden ...

Wir können das gar nicht fassen. Vor zwei Tagen bummelten wir abends noch am angestrahlten Gotteshaus vorbei, heute steht man nur noch vor Trümmern.

Am anderen Morgen sehen wir erst den ganzen Schaden. Der herabgestürzte Turm liegt zertrümmert auf dem Vorplatz der Kathedrale.

arequipa arequipa


Im Hotel angekommen ist man froh, uns heile wieder zu sehen. Unser Gepäck befindet sich bereits in Zimmer 201, direkt neben der Sicherheitszone. Diese Zonen in erdbebensicher gebauten Häusern liegen meist am Treppenhaus und sind mit einem grünen Schild, auf dem ein großes weißes “S” steht, gekennzeichnet.

“Bloß nicht den Fahrstuhl benutzen!”, sagt uns der Empfangschef. Doch nun erst einmal ins Zimmer, Sachen ablegen und ... ! Ja, eigentlich möchte ich gerne duschen, aber was ist, wenn es wieder bebt, und ich eingeseift unter der Dusche stehe? Irgendwie wird das Gefühl in der Magengegend immer komischer.

Doch wir haben ja Jörg. Der ist kurz zu seiner Wohnung gegangen (dort ist - wie er uns später erzählt - alles i.O.). Er wartet nun auf uns in der Hotelhalle. Wir haben Hunger (ist ja nur menschlich). Ein kleiner Bummel durch die Straßen (tun jetzt alle Arequipenos). Vorbei an einer Kirche, in der gerade eine Hochzeit stattfindet (die Braut steigt dafür einfach über die Trümmer hinweg). Und dann sind wir im Zick-Zack angekommen. Einem kleinen Restaurant, in dem eine Berlinerin (mit einem Schweizer hier in Peru verheiratet), eidgenössische Gerichte anbietet. Irgendwie schon eigenartig: da isst man Schweizer Rösti mit Gorgonzolasoße, mitten in Peru und das auch noch bei Erdbebengefahr. Wir stoßen mit einem Glas Rotwein an, als plötzlich die Erde wieder bebt. Das Glas nicht aus der Hand stellend, eilen wir nach draußen auf die Straße. Es wird wieder ruhig um uns herum, so dass einem weiteren Genuss der Röstis nichts im Wege steht. Was für eine verrückte Welt!

Zurück im Hotel, ist das Telefon immer noch gestört. Auch ein Mail von hier aus geht nicht. Also warten wir bis morgen, dann öffnen wieder die zahlreichen Internetcafes an der Plaza. Aber ans Schlafen ist im Augenblick noch nicht zu denken. Wir sind viel zu aufgekratzt, als dass wir einschlafen können. Doch auch irgendwann übermannt/-fraut uns die Müdigkeit ...

Sonntag, 24. Juni 2001

Die Sonne scheint schon ins Fenster, als wir erwachen. Was wir dann erst beim Frühstück erfahren, ist die Tatsache, dass es in der Nacht mehr als 100 kleine Erdstöße gegeben hatte. Sollte unser Hotel doch erdbebensicher sein?

arequipaarequipaNach dem Frühstück gehen wir wieder raus auf die Plaza, die nun voll von Menschen ist. Kauf vorzustellen, dass gestern ein Erdbeben die Stadt erschüttert hat. Wäre da nicht der zerstörte Turm der Kirche, könnte es ein ganz normaler Sonntag in Arequipa sein. Doch was ist das? Kaum steht der Mann oben auf dem Autodach und beginnt zu reden, jubelt ihm die Menge zu. Euphorisch winken sie und beklatschen seine Worte. Wer das ist: Perus neuer Präsident: Alejandro Toledo! Seinen Amerikabesuch hat er abgesagt, um hierher nach Arequipa zu kommen. Eine ganze Stadt jubelt ihm zu! Da hilft nur ein: Kamera in die Höhe halten, abdrücken, und .... dieses Foto machen!


Wir schicken vom Internetcafe an der Ecke der Plaza ein Mail nach Hause, damit Familie, Freunde und Kollegen nicht in der Ungewissheit bleiben. “Hurra, wir leben noch!"


Zurück im Hotel, checken wir aus. Heute Nachmittag wollen wir den Flieger nach Juliaca nehmen. Ein neues Ziel liegt vor uns: der Titicaca See. Uns hat allerdings nicht so ein Polizeiauto zum Flughafen eskortiert. Das allein bleibt einem Mann wie Toledo vorbehalten. Davon können wir uns am Airport überzeugen. Die Polizei will uns nicht mal ins Flughafengebäude lassen. Doch man sieht schnell ein, dass wir kein “Sicherheitsrisiko” sind und lässt uns durch.


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