Nordindien - Ranthambore Nationalpark

Schon bei der Planung unserer Urlaubsreise war uns bewusst, dass der Tag in Indien kommen wird, an dem wir die Stille und den menschenleeren Ort herbeisehnen werden. Natürlich trat das auch so ein.

resortVon Jaipur aus bringt uns Adjif in das Tiger Moon Ressort, direkt am Eingang des Ranthambore Nationalparks gelegen und knapp 130 km von Jaipur entfernt.
Gleich mal eine Info: Geöffnet ist der Park nur vom 1. Oktober bis 30. Juni, die restlichen Monate ist er für Besucher geschlossen. 

18 Hütten stehen hier in kleinen Gruppen unter Bäumen, ein Pool und das Restaurant sind integriert.

Es ist ruhig. Überall zwitschern die Vögel herum und man kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass dieses Idyll in einem der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt liegt.

Wir richten uns für 3 Tage häuslich ein, und da die Mittagszeit angebrochen ist, dringt Essensduft vom Restaurant herüber. Wir werden also gleich sehen, wer sonst noch so in der Lodge wohnt.

Da fällt uns sofort eine Gruppe von vier Franzosen auf. Fernsehleute sind es, die einen Naturfilm über Ranthambore - und vor allen Dingen über die Tiger - drehen wollen. Seit vier Tagen sind sie hier, haben allerdings noch keinen schusssicheren Kameraerfolg. Na ja, das kann heiter werden! Wo wir doch nur drei Tage haben. Sehen wir Indiens Raubkatzen überhaupt?

Von der Lodge aus fahren wir morgens früh und am Nachmittag immer mit dem Jeep, einem Guide und einem Fahrer hinein in den Park. Die Strecke dorthin lässt sich schnell bewältigen: einfach das kleine Dorf nahe unserem Ressort durchfahren, kurz links rum, und wir stehen am Eingang und lösen die Tickets.

Das einzige, was dabei ein wenig ins Geld geht, sind die Gebühren für die Mitnahme der Videokamera. Umgerechnet 5 Euro pro Besuch = also an unseren geplanten drei Tagen sind das 30 Mark. Doch der Tiger ist das wert!

Der 400 qkm große Park wurde 1955 seiner heutigen Bestimmung übergeben. In früheren Jahren (so ab Mitte des 15. Jahrhunderts)  war dieses Gelände Jagdgebiet des Maharajas von Jaipur. Dies ist auch der Grund, warum es hier so viele Ruinen, aber auch z.T. noch gut erhaltene Bauwerke, gibt. Schnell fällt dabei das Fort hoch oben auf dem Granitfelsen auf.

Die Landschaft ist grün. Flussläufe durchziehen das Gebiet und teilen weite saftige Ebenen von Wäldern und Hügeln.

park hirsch

hirsch hirsch

Allerdings führt die Existenz des Parks auch zu Konflikten. Die Überbevölkerung - und damit der Anspruch der Menschen auf Land - nimmt ständig zu. Darum finden wir hier auch eine Besonderheit im Verhältnis zu Nationalparks anderer Länder: die Dorfbewohner treiben tagein, tagaus ihre Rinderherden auf die grünen Wiesen im Park. Da kommt es schon mal zu unschönen Zusammentreffen mit dem frei lebenden Wild. Auch schlagen die Menschen ihr Brennholz in dem Reservat. Nicht unbedingt erlaubt, drücken die Ranger da schon mal ein Auge zu. Doch der Plan der Regierung greift langsam: die Dörfer aus dem Parkinneren herauszulösen.

Es ist früher Morgen. Der Nebel lichtet sich und die Sonne verwöhnt uns mit den ersten warmen Strahlen.
Was soll man da nur alles fotografieren?
Es sind wunderschöne Bilder geworden, die ohne Worte genug aussagen .....

Unsere Naturtage spielten sich zwischen Lodge und Park ab. Frühstück, Mittag und Abendessen unterbrachen unsere Pirsch. Ein netter Anlass, sich auch mit den anderen Gästen zu unterhalten.

Leider ist die Stimmung des französischen Kamerateams stark getrübt, zumal bereits unser nächster Morgen von Erfolg gekrönt ist: Womit wohl ?????

tiger Rajesh, unser Guide, erklärt uns, dass die Fernsehleute aus Paris die Aufgabe einfach nur falsch angehen. Ist die BBC vor Ort und dreht, sei alles professioneller. Jeeps mit Funk fahren vorweg, und wenn sich die Raubkatzen sehen lassen, werden die Kameras sofort in diese Richtung dirigiert. Na ja, auch die Franzosen werden es noch schaffen.

Wir jedenfalls sehen unseren Tiger: groß, männlich und souverän überquert er ganz langsam vor unserem Jeep den Weg. Völlig im Spiel von Licht und Schatten scheint das Tier zu verschwinden.

In Ranthambore leben heute ungefähr 40 Tiere. Hält man sich vor Augen, dass jedes im Park lebende Raubtier statistisch 10 qkm Raum hat, und die Jungen stets bei der Mutter leben, so kann man sich vorstellen, dass die Tigersuche wie eine Suche nach der Nadel im Heuhafen wirkt.

Das heute wieder so viele Raubkatzen in Ranthambore leben, ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass der WWF mit der indischen Regierung vor knapp 30 Jahren das Tiger Project ins Leben gerufen hat. Nun scheint das Überleben dieser eleganten Katzen gesichert.


Wenn ein Mensch einen Tiger tötet, spricht man von Sport. Wenn ein Tiger einen Menschen tötet, ist das Grausamkeit.
Georg Bernhard Shaw
1856 - 1950 irischer Dichter / Dramatiker

Sicher! In diesem Spruch steckt ein wenig Sarkasmus. Aber es ist auch ein Fünkchen Wahrheit in dem Zitat. Und wenn man darüber nachdenkt, kommt das Unbehagen in einem hoch: Wieso kommt jemand überhaupt auf die Idee so etwas zu sagen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden und es ist schon fünf vor zwölf.

Tiger sind weltweit bedroht. Trotz Artenschutzabkommen nimmt ihre Zahl dramatisch ab. Ihr Lebensraum wird in dem Maße kleiner wie die Menschheit Platz zum Leben braucht. Und – was noch viel dramatischer ist – ist der Irrglaube in der asiatischen Welt, das "Tigermedizin" bei so manchen Leiden und Gebrechen Hilfe bringt.

Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen die Tiger unseren Schutz brauchen. Der WWF engagiert sich daher stark für diese bedrohte Tierart, so auch hier im Ranthambore Nationalpark.
Weitere Informationen über das Tiger Project in Indien gibt es hier.

Haben Tiger heute nur noch hinter schützenden Zäunen eine Überlebenschance? Während Ende des 19. Jahrhunderts rund 100.000 Tiger in Indiens Wäldern lebten, gab es 1972 nur noch knapp 2.000 von Ihnen, und die damalige indische Regierungschefin Indira Gandhi rief mit dem Tiger Project eine international unterstützte Rettungsaktion ins Leben.


dorf dorf

Die Tage in Ranthambore waren eine gelungene Unterbrechung unserer Reise durch das Land mit seinen vielen Menschen.

Über die Dörfer fahren wir nun weiter nach Agra.


Indien : Delhi : Radjastan, Teil 1 : Radjastan, Teil 2 : Ranthambore NP : Agra : Khajuraho : Varanasi : Geschichten aus Indien :
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