Nordindien - Geschichten

Die vier Wochen, die wir durch Indien gefahren sind, haben Anlass zu vielen kleinen Geschichten gegeben. Ich habe sie hier aufgeschrieben.
Wer Lust hat, kann sie lesen!
Wem sie gefallen haben, kann sie weitererzählen ...

Wo bitte gibt es Tempos?
Spices / Gewürze und Mohanlal Verhomal
Indische Seifenoper oder ein Epos von Herz und Schmerz
Sieg des Guten über das Böse oder Menschenmassen im Stadion
 

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Wo bitte gibt es Tempos?

Diese Frage habe ich mir verzweifelt auf unsere Indienreise gestellt. Nicht, das es dort keine Papiertaschentücher zu kaufen gibt. Nein, das war es nicht! Wir fanden nur einfach keinen Supermarkt!

Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, dass es in Indien keine Geschäfte gibt. Es ist nur anders als bei uns zu Hause:
Riese Basare laden zum Kaufen ein. Kunstvoll aufgeschichtet liegt das Gemüse neben dem Obst. Die ungezählten Sorten Reis stehen in großen Behältern beieinander. Das Getreide wird frisch gemahlen. Und da sind noch die Betelblätter. Ein ungeübtes europäisches Auge erkennt nicht die Unterschiede, aus welcher Region Indiens die jeweiligen Paanblätter kommen. Ein Inder schon. Ob es eine Geschmackssache ist, konnten wir nicht ergründen. Sicher eine Ansichtssache. Jedes indische Mahl wird mit dem Kauen der grünen Blätter beendet. Zusammengefaltet, mit Gewürzen – wie Limone, parfümiertem Tabak, Kokosraspeln und anderen Zutaten – werden die Paan Wallahs gekaut und der Saft heruntergeschluckt. Der Rest wird ausgespuckt. Der Gaumen ist dann gereinigt und die Verdauung gefördert! Doch ausprobiert haben wir es nie.

basar Wir schlendern weiter über den Basar, lassen uns treiben von dem Menschengewühl. Und auch von den Kühen, die mit einer unglaublichen Ruhe alles fressen, was auf der Erde liegt. Gemüse- und Obstreste, Gras und Getreideähren, aber auch Schalen der Kokosnuss, Papier und Plastik! Ja, auch das steht auf ihrem Speiseplan. Fast alles, was auf der Straße liegt, wird so verwertet. Satt und träge liegen sie dann an der Fahrbahn und verdauen ihre Mahlzeit. Nein, es soll nicht der Eindruck entstehen, das sie herrenlos sind: jede Kuh hat ihren Besitzer, zu dessen Haus sie abends zum Schlafen zurückkehrt. Sie liefert ihm Milch, pflügt das Feld und produziert mit ihrem Dung das Brennmaterial.

Mit ca. 200 Millionen Kühen hat Indien die meisten Rinder der Welt. Der Status einer heiligen Kuh hängt zum Einen mit dem kosmischen Bild des Hinduismus in der Schöpfungsgeschichte zusammen und zum Anderen mit dem Fruchtbarkeitskult aus früheren Zeiten. Wichtiger aber dürften die oben erwähnten Gründe der Tierhaltung in der heutigen Zeit sein. Gandhi selbst hat diesen Mythos wieder neu belebt.

teppich Gleich neben den Gemüseständen kommen die Händler mit edlen Stoffen aus Seide, aber auch aus Baumwolle, Eisenwaren, Schmuck, Haushaltsgegenständen und Kunsthandwerk. Teppiche z.B. sind oft ein Mitbringsel aus dem Urlaub. Der fremde Gast sucht die großen Schaufenster, die er von zu Hause kennt. Er findet sie aber nicht. Da fällt sein Blick auf ein Tor, einige Teppiche hängen davor, und er bleibt stehen, überlegt, ob er eintreten soll. Ein freundlicher Inder kommt auf ihn zu und bittet ihn herein. Was dann kommt, ist schon etwas besonderes.

Ein großer Raum, hell und klimatisiert eröffnet sich dem Besucher. In großen Regalen bis hoch an die Decke liegen zusammengerollt hunderte von Teppichen. Ob es ein kleiner Läufer sein soll oder ein großes Exemplar. Ob aus Seide, Baumwolle oder Wolle. Ob bunt oder in dezenten Farben. Alles ist da. Der nette Teppichhändler kennt seine Gäste genau, er findet immer das “passende Stück”. Europäer, die gewohnt sind, zielstrebig auf ein Kaufobjekt zuzugehen, müssen nun umdenken. Mit blumigen Worten umschreibt der Händler seine Ware, der Tee kommt und sie haben viel Zeit. Zeit zum Ansehen und Kaufen. Immer neue Teppiche breiten sich vor Ihnen aus. Welcher soll es nun sein?
Wir lassen diese Kaufverhandlung offen.....
Liegt dann später Teppich zu Hause? Der Händler hat am Ende seinen Erfolg, und der Käufer/die Käuferin? Ist er/sie glücklich, einen so günstigen Kauf getan zu haben?

reis Bummeln wir nun weiter über den Basar. Lange Gewürzstände reihen sich aneinander. Die Düfte sind unbeschreiblich: Anis, Kardamom, Kümmel, Granatäpfelsamen, Zimtstangen, Safran, schwarzes Salz und Tamarinden; eingelegte Rosenblätter, getrocknete Mangostreifen und Lac (ein von winzigen Waldinsekten ausgeschiedenes, bernsteinähnliches Harz zur Herstellung von Lacken). Was es auch immer ist, es ist fremdartig. Ätherische Öle und Duftessenzen, Balsame und Parfüme stehen in großer Zahl auf den Ständen. Man kann sie alle gar nicht ausprobieren. Am Ende kommen doch einige Fläschchen und Tüten mit Öl und Gewürzen in den Koffer mit nach Hause. Vielleicht für das indische Essen, zu dem man seine Freunde einladen und von dem fernen, fremden Land berichten wird. Dazu braucht man auch Reis. Unzählige Sorten davon kann man auf dem Basar kaufen.

Tabakstände schließen sich an. Auch hier wie überall kommen freundliche und redegewandte Händler auf uns zu und preisen ihren Tabak an. Natürlich darf die echte indische Tonpfeife nicht fehlen. Wahrlich, der Tabakduft steigt uns schon in die Nase, aber was sollen wir als Nichtraucher damit?

gespann Damit nun all die Waren auf den Markt kommen, braucht man schon genügend Transportmittel. Bei uns zu Hause würde einfach ein LKW beladen, der dann alles auf einmal in die Geschäfte bringt.
Hier ist das anders: ein Ochsengespann tut es auch. Überall auf den Straßen sind wir ihnen begegnet.

Doch nun aber zurück zum Anfang meines Berichtes. Wo bitte gibt es Tempos für meinen leichten Anflug von Schnupfen? Wir haben keinen Supermarkt gefunden. Dafür sind wir aber gefangen in dem Treiben indischer Basare. Wenn wir erst wieder zurück in Deutschland sind, werden wir unsere Einkäufe erneut im Supermarkt tätigen. Auch hier liegt das Gemüse neben dem Obst, den Lebensmitteln und – ach ja, neben den Hygieneartikeln wie z.B. Papiertaschentücher. Doch eins wissen wir genau. So erlebenswert, wie ein Bummel über indische Basare, ist kein deutscher Supermarkt!


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Spices / Gewürze und Mohanlal Verhomal

logo Mohanlal Verhomal ist Gewürzhändler auf dem Basar in Jodhpur. Plaudernd und freundlichen lächelnd redete er auf uns ein. Sofort holt er einen dicken Ordner unter dem Tisch hervor und schlägt ihn auf. Fein säuberlich abgeheftet sind nette Briefe aus aller Herren Länder. U.a. ein Zeitungsartikel einer deutschen Familien- und Kochzeitschrift. Sein Foto ist dort ganz groß abgebildet, und der Beitrag stellt ihn sowie seinen Verkaufsstand hier auf dem Basar vor.

spices Wir stecken unsere Nase in alles, was duftend um uns herumsteht. Kümmel, Safran, Kardamom, Curry- und andere Gewürzmischungen, leuchtend in allen Farben. Und dann ist da noch das Teegewürz mit dem Namen “Kashmir”. Nach allen duftend, was man sich unter Indien vorstellt, eingestreut in einen hervorragenden Darjeeling, und die Teestunde kann beginnen.

Das Abschiedsfoto - gemacht von Mohanlals Sohn - ist selbstverständlich. Wenige Wochen, nachdem wir wieder zu Hause sind - kommen Weihnachtsgrüße per Air Mail, zusammen mit diesem Foto und einem Bestellformular. Nun kommen unsere Gewürze für die asiatische Küche frisch direkt aus Jodhpur. Selbst unser Postbote bemerkt dann den duftenden Inhalt.


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Indische Seifenoper oder ein Epos von Herz und Schmerz

Wir sind in Bikaner. Was tun wir heute am Nachmittag? Die Entscheidung fällt auf den Besuch des Junagarh Forts, hoch über der Stadt gelegen. Die City im Schein der untergehenden Sonne sehen, war unser Ziel.

Doch meist kommt es anders als man denkt. Anstatt einer ruhigen Visite sind hunderte von Haremsdamen, Maharajas und Krieger um uns herum.

operAusstaffiert mit den buntestes Kostümen, die man sich vorstellen kann. Alles rennt - wie nichtorganisiert - herum. Doch da ist ein Mann. In der rechten Hand ein Sprachrohr, in der linken Hand Unmengen von Papier. Er scheint wichtig zu sein, so schreit er herum. Ja, erklärt man uns, es ist der Regisseur. Gedreht wird ein Maharaja-Epos aus dem x-ten Jahrhundert und es ist wohl auch die x-te Folge. Dazu muss man wissen, dass Indien süchtig nach Filmen mit Herz und Schmerz ist.

Zum unendlichsten Mal wird eine Tanzszene geübt. Junge Damen begrüßen die heimkehrenden siegreichen Krieger, werfen ihnen Blumen zu. Nach jeder nicht perfekten Einstellung werden die Blumen wieder zusammengefegt, in Körbe verteilt und neu geworfen .....

Wir vertehen zwar den Inhalt nicht wörtlich (sprechen wir doch kein Hindi), können aber anhand des Geschehens die Geschichte begreifen. Resümee: Soap-Operas sind in jedem Land der Welt gleich !!!!!


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Sieg des Guten über das Böse oder Menschenmassen im Stadion

Indien ist ein Land der Feste. Täglich gibt es welche, teils hinduistische, teils moslemische, teils aber auch Feiertage für alle Religionen zusammen. Im Reiseführer hatten wir schon vor der Tour davon gelesen. So stand während unsere Zeit hier in Radjastan das Dusshera Fest an.

Es ist Sonnabend; wir sind immer noch in Bikaner; die Menschen haben bereits neun Tage das wichtigste Fest Indiens gefeiert. Heute, am 10. Tag, soll nun die Abschlussfeier sein. Der Maharaja von Bikaner finanziert alljährlich diese Veranstaltung. Und was wird gefeiert? Natürlich der Sieg des Guten über das Böse. Und wir wollen dabei sein.

Also bringt uns Adjif rein in die Stadt. Zusammen mit Mohan ziehen wir - geschoben von einer unübersehbaren Menschenmenge - Richtung Sportarena. Vor dem großen Tor angekommen, lassen die Pförtner niemanden mehr rein. Das Stadion ist voll! Schade! Was jetzt? Nun kommen Touristen selten zu diesem Fest. So sind wir schon etwas besonderes hier unter all den Indern. Plötzlich kommt ein gut gekleideter, grauhaariger Herr durch das Tor, lächelt uns an und zieht uns rein. Er bringt uns in die VIP-Louge des Maharajas. Wir erfahren später, dass wir dieses Glück dem Pressesprecher des Maharajas zu verdanken haben.

gutEs wird immer dunkler, die Nacht kommt und die vielen tausend Menschen um uns herum feiern ausgelassen; jubeln und sehen gespannt auf den Rasen. Dort stehen drei mindestens fünf Meter hohe Holzpuppen, ausgestopft mit Gras (oder irgendeinem anderem schnell brennbaren Material) und - und iost war besonders wichtig - Feuerwerkskörper dazwischen. Wer nun von diesen Figuren die Guten, und wer das Böse sind, können wir nicht herausfinden. Ist eigentlich auch egal.

Die Spannung steigt ins Unermessliche, als plötzlich die Figuren zu brennen beginnen, und die Knallkörper in ein Feuerwerk ausarten. Die Menschen stimmen einen ohrenbetäubenden Jubelschrei an, die Tribünen beben. Nun kann ich selbst nachvollziehen, wie es ist, wenn irgendwo auf der Welt mal eine Stadiontribüne zusammenbricht, wenn Menschen so euphorisch werden ...

Allmählich nehmen uns auch die Inder um uns herum wahr. Touristen sind nun mal selten bei diesem Fest zu sehen. Freundliche Gesichter lachen uns an; kleine Kinder auf dem Arm der Eltern kichern, als sie vorsichtig unsere so anders aussehenden, hellen, Haare anfassen.

Und genauso zielstrebig, wie wir ins Stadion kamen, schiebt uns die Menschenmasse zurück zum zentralen Kreisel, an dem hunderte von Autos parken. Wie durch ein Wunder, findet uns Adjif sofort, und fährt uns zurück ins Hotel.

Wir denken noch lange an dieses Erlebnis zurück.


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