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Deutschland - Fagus Werk, Weltkulturerbe & Schuhleisten

woeltingerode UNESCO-Welterbestätte seit 2011

47 km von Hannover entfernt (und somit auch nur wenige Kilometer mehr von unserem Zuhause), ist Alfeld ein super Ziel für einen Tagesausflug. Nicht zuletzt wegen dem Fagus Werk.
Das 1911 von Carl Benscheidt gegründete und vom Architekten Walter Gropius gebaute Werk ist mit seiner Stahl-Glas-Konstruktion wegweisend in der modernen Architektur anzusehen. Es ist das Erstlingswerk des Architekten. Eine Revolution in der Bauweise mittelständiger Unternehmen seinerzeit.

Benscheidt und Gropius waren damals ihrer Zeit weit voraus und haben nicht nur architektonische Meisterleistungen vollbracht, sondern auch die Humanität in die Arbeitswelt eingefügt. Offene, helle Werkshallen lösten dunkle, stickige Werkstätten ab.

Klare Formen und viel Licht von allen Seiten machte das Werk 1946 zu einem Baudenkmal.

Heute – und zwar seit 2011 – hat die UNESCO das Fagus Werk in die Weltkulturerbeliste aufgenommen. Es ist das 38. in Deutschland.
Und von noch einer Besonderheit ist zu berichten: Innerhalb der Welterbestätten wird im Schuhleistenwerk nach wie vor produziert.

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Um von der UNESCO zur Welterbeliste hinzugefügt zu werden, müssen eine oder mehrere Kriterien der Welterbekonvention erfüllt sein. Insgesamt gibt es zehn davon (vier für Natur- und sechs für Kulturgüter).

Es ist die außergewöhnliche Fassade der Gebäude und die offene Bauweise durch Stahl und Glas. Das gesamte Design in Verbindung mit den sich positiv veränderten Arbeitsbedingungen waren die Grundlage für zwei dieser Kriterien.

Zum Einen die große Bedeutung in der europäischen und amerikanischen Architektur (Bauhaus-Bewegung).

Zum Zweiten die Ästhetik und das Design in Verbindung mit der Funktionalität eines Industriekomplexes.

Das Werk ist zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis und kann in Führungen besichtigt werden. Auf der Website ist eine Anmeldung möglich.

Ich habe vor unserem Besuch eine Fotogenehmigung abgeklärt und eine ganz individuelle Gruppenführung gebucht. Das hat mir besonders gefallen, da ich somit die Möglichkeit zum Fotografieren hatte und keine Gruppe „störte“. Danke an das Fagus Werk für die gute Betreuung während unseres Aufenthaltes.

Viele Bilder sind im meiner Galerie zu sehen.

Schon wenn man Alfeld und den Bahnhof erreicht, ist der hohe Schornstein (o) mit dem Firmenlogo weithin sichtbar. Einen Parkplatz finden wir schnell auf dem Werksgelände und so lassen wir erst einmal den Gebäudekomplex auf uns wirken.

fagusWir schauen uns die Fagus-Gropius-Ausstellung an.

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Schon gleich beim Betreten des großen fünfstöckigen Gebäudes fällt der Blick auf Fußboden (li) und Decke (re). Was wir sehen sind Holzbalken. Die, weil sich nicht dicht an dicht verlegt sind, den Blick in die darunter bzw. darüber liegende Etage freigeben. Das hat seinen Grund, denn einst war dieses Gebäude dafür da, um das Holz – wie die Buche – für die spätere Verarbeitung zu Schuhleisten über Monate hinweg zu trocknen. Frisch geschlagen, sind die Baumstämme noch voller Feuchtigkeit. Aber nur trockenes Holz kann sich nach der Verarbeitung nicht mehr verändern (eintrocknen) und die Schuhleisten können sich demzufolge auch nicht mehr verkleinern.

Die Buche (fagus sylvatica) hat auch dem Werk seinen Namen gegeben.

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Interessant sind die unterschiedlichen Themen, die in den einzelnen Etagen der Ausstellung angesprochen werden.

Da wird die Firmengeschichte gezeigt, sowie Carl Benscheidt und Walter Gropius vorgestellt.

Wir erfahren etwas über die Baugeschichte und die Restaurationsmaßnahmen im Werk. Auch einige der alten Maschinen sind zu sehen. So wie diese Drechselmaschine für Schuhleisten aus den USA (li).

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Schon immer waren die Möbel im Werk, in der Villa des Gründers (li) funktional, wie dieser Tisch mit Schubladen zeigt. Gesehen im Themenbereich um die Anfänge des Unternehmens.

Auch der moderne Schreibtisch (re) aus dem Themenbereich Massivholzverarbeitung zeigt klare Formen.

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Was „Schuhleisten leisten“ und die Geschichte der Schuhmode im Wandel der Zeit nehmen ebenso Raum ein wie das Werk als lebendes Denkmal (li). Und es ist zu sehen, dass der Wald „mehr als lauter Bäume“ (re) hat.

Am Ende der Entdeckungstour durch die Ausstellung sind wir wieder unten angekommen. Der Blick in den kleinen Shop zeigt: Da gibt es doch tatsächlich alte Schuhleisten! Also habe ich gleich zwei rausgesucht: Größe 42 und 38 ½ (nämlich unsere Schuhgrößen).

Und wie diese beiden Schuhleisten aussehen, zeige ich in meinem Fotoalbum.

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Wir haben nicht nur einen Blick in 100 Jahre Geschichte(n) rund um die Schuhleisten geworfen, sondern können auch noch in der Presse vom 11. April 1911 eine ganz wichtige Mitteilung lesen.

Dazu einfach die Seite „aufschlagen“ / auf das Bild klicken …

Nun wollen wir uns aber auch die Produktion und die Werksgebäude von innen anschauen. Wir erleben eine ganz individuelle Führung; sind wir doch auch nur zwei Gäste …

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Wo einst Holz getrocknet wurde, sind nun Büros untergebracht und eine Ausstellung der Produktvielfalt des Gesamtunternehmens (li).

Vor jeder Serienfertigung eines Schuhes steht der Leisten aus Holz (re).

Ob wir uns wirklich vorstellen können, was die Arbeiter vor gut 100 Jahren empfunden haben, als sie zum ersten Man in den hellen großen Werksräumen standen? Für uns ist das sicher normal. Aber das haben wir Menschen wie Firmengründer und Architekt, mit zu verdanken. Für Gropius war es der erste große Auftrag eines Industriebaus und das 10 Jahre, bevor er seine Bauhaus-Bewegung ins Leben rief.

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Heute wird nur noch der Original-Schuhleisten in Holz nach alter Tradition hergestellt. Ist er erst einmal fertig, wird der eigentliche Schuhleisten – und das in allen erforderlichen Größen – aus Kunststoff maschinell hergestellt.

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Es ist - zumindest für mich als „Nichtinsider“ - äußerst erstaunlich, wie aus einem einfachen grünen Kunststoffklotz nach und nach ein Schuhleisten wird, der dann in den Schuhfabriken seinen Einsatz findet. Ich frage mich, ob auch meine Schuhe, die ich trage, wohl über einen solchen Schuhleisten aus dem Fagus Werk gefertigt wurden … (?!)

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Spannend wird es, schaut man durch die leicht milchige Scheibe auf die Kunststoffspäne, die bei der Fertigung des grünen Leistens durch die Luft fliegt. Verständlich, das die Fräsmaschine hinter Glas arbeitet (li).

Und ist dann der grüne Kunststoffleisten fast fertig, müssen nur noch die Ränder gesäubert werden (re).

Es war eine spannende und sehr interessante Führung durch das Fagus Werk, einem in jeder Hinsicht lebenden Denkmal. Nochmals möchte ich mich an dieser Stelle für die sehr individuelle Führung durch Karl Schünemann bedanken.

Zum Schluss noch ein Link in eine kleine Werkstatt in Eltze: Schuster bleib bei deinen Leisten

Apropos: Schuster bleib bei deinen Leisten
Woher kommt eigentlich diese deutsche Redewendung?


Es soll sich zugetragen haben, dass der griechische Maler Apelles ein Bild gemalt hat, das von einem Schuster kritisiert wurde, weil ein Schuh nicht richtig gemalt worden sei. Apelles korrigierte daraufhin das Bild. Der Schuster allerding kritisierte noch mehr Details im Bild, woraufhin Apelles ihn zur Rede stellte und sagte: „Schuster bleib bei deinem Leisten“. Damit wollte Apelles dem Schuster sagen, dass dieser zwar den Schuh kritisieren durfte, nicht aber die anderen Bildelemente.
Wir benutzen diese Redewendung heute im übertragenen Sinne. Nämlich dann, wenn z.B. jemand etwas sagt, wovon er eigentlich keine Ahnung hat.

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Alfeld: Fagus Werk : Galerie